Ein von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften entwickeltes hochpräzises Instrument soll die Suche nach erdähnlichen Planeten ermöglichen und die Rolle La Palmas als internationaler Standort der Spitzenastronomie weiter stärken.
Das Gran Telescopio Canarias (GTC) am Observatorium Roque de los Muchachos auf La Palma steht vor einer neuen Etappe der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Die seit rund zehn Jahren bestehende Kooperation mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften könnte künftig in eine formelle Partnerschaft münden und China zu einem neuen internationalen Partner des Teleskops machen.
Im Zentrum dieser Annäherung steht ein neues, hochkomplexes optisches Instrument, das derzeit in China entwickelt wird. Die Anlage soll nach ihrer Fertigstellung am GTC installiert werden und mehr als 20 Millionen Euro kosten. Ihr wissenschaftliches Ziel ist ebenso ehrgeizig wie präzise: Sie soll dazu beitragen, erdähnliche Planeten außerhalb unseres Sonnensystems aufzuspüren und genauer zu charakterisieren.
Romano Corradi, Direktor des Gran Telescopio Canarias, erklärte in einem Interview mit Radio Nacional de España, dass die Beziehungen zwischen dem GTC und der Chinesischen Akademie der Wissenschaften bereits seit Jahren eng und produktiv seien. Beide Institutionen arbeiteten seit etwa einem Jahrzehnt zusammen, und das Verhältnis sei, so Corradi, „ausgezeichnet“.
Chinesische Wissenschaftler hätten bereits heute zeitweise Zugang zu Beobachtungszeit am Teleskop und erzielten mit den am Roque de los Muchachos gewonnenen Daten Forschungsergebnisse von hohem wissenschaftlichem Niveau.
Ein möglicher neuer internationaler Partner für das GTC

Nach Angaben Corradis hat die Chinesische Akademie der Wissenschaften Interesse daran bekundet, ihre bisherige Zusammenarbeit mit dem Gran Telescopio Canarias auszuweiten und dem Projekt als internationaler Partner beizutreten. Sollte dieser Schritt formalisiert werden, würde China einem Modell folgen, an dem bereits Mexiko und die University of Florida beteiligt sind.
Der entscheidende Beitrag Chinas wäre das neue wissenschaftliche Instrument, das derzeit entwickelt wird. Corradi beschrieb es als ein Gerät von „großer Komplexität“, dessen Kosten sich auf mehr als 20 Millionen Euro belaufen. Nach seiner Installation würde es die Forschungskapazitäten des GTC erheblich erweitern und dem Teleskop eine führende Rolle in einem besonders anspruchsvollen Bereich der Exoplanetenforschung verschaffen.
Das Projekt ist in zwei Phasen gegliedert. Der erste Teil soll voraussichtlich zwischen 2027 und 2028 geliefert werden. Die zweite Phase ist für den Zeitraum zwischen 2029 und 2030 vorgesehen.
Auf der Suche nach einer zweiten Erde
Das neue Instrument soll vor allem der Suche nach Planeten dienen, die der Erde in ihrer Größe ähneln und sich in sogenannten bewohnbaren Zonen um sonnenähnliche Sterne befinden. Diese Zonen sind für die Astronomie von besonderem Interesse, weil dort theoretisch Bedingungen herrschen könnten, unter denen flüssiges Wasser auf der Oberfläche eines Planeten existieren kann.
Corradi erklärte, dass die Entdeckung großer Gasriesen, die nahe an ihren Sternen kreisen, heute vergleichsweise einfacher sei. Solche Planeten erzeugen aufgrund ihrer Größe und Nähe zu ihrem Mutterstern stärkere und leichter messbare Signale.

Die Identifizierung erdähnlicher Planeten ist dagegen wesentlich schwieriger. Sie sind kleiner, verursachen schwächere Beobachtungssignale und erfordern Instrumente mit deutlich höherer Präzision. Genau diese Lücke soll das neue Gerät schließen, das für das Gran Telescopio Canarias entwickelt wird.
Derzeit gibt es laut Corradi nur ein Instrument mit vergleichbaren Fähigkeiten, das am Very Large Telescope (VLT) in Chile installiert ist. Das geplante Instrument für das GTC wäre damit das erste seiner Art auf der Nordhalbkugel.
La Palma stärkt ihre Rolle in der internationalen Astronomie
Die mögliche Partnerschaft mit China würde die Position des Observatoriums Roque de los Muchachos als einen der weltweit bedeutendsten Standorte für astronomische Forschung weiter festigen. Das Gran Telescopio Canarias gehört bereits heute zu den leistungsstärksten optisch-infraroten Teleskopen der Welt und ist ein zentraler wissenschaftlicher Bezugspunkt für Spanien, die Kanarischen Inseln und die internationale Forschungsgemeinschaft.
Zugleich hätte die Zusammenarbeit eine strategische Dimension. Corradi erinnerte daran, dass Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez während seiner jüngsten offiziellen Reise nach China einen Ausstellungsstand des Gran Telescopio Canarias besucht hatte. Dies unterstreiche, so der GTC-Direktor, die wachsende Bedeutung des Teleskops als Symbol und Plattform für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Spanien und China.
Für das GTC würde die Vereinbarung den Zugang zu einem hochmodernen Instrument bedeuten, das neue Forschungswege in der Exoplanetenforschung eröffnen könnte. Für China wiederum wäre die Beteiligung eine formelle Eintrittskarte zu einer der wichtigsten astronomischen Einrichtungen der nördlichen Hemisphäre.
Sollte das Projekt wie geplant voranschreiten, könnte La Palma in den kommenden Jahren ein einzigartiges wissenschaftliches Instrument beherbergen, das eine der großen Fragen der modernen Astronomie in den Mittelpunkt rückt: ob es außerhalb unseres Sonnensystems andere Welten gibt, die der Erde ähneln.






