Die Kanarischen Inseln rücken zunehmend in den Fokus internationaler Drogenbekämpfung, da sich Schmuggelrouten infolge verschärfter Kontrollen in anderen Teilen Europas deutlich verlagern. Sicherheitsbehörden warnen, dass kriminelle Netzwerke ihre grossen Lieferungen verstärkt über den Atlantik umleiten – mit spürbaren Folgen für den Archipel.
Beispiellose Sicherstellung von fast zehn Tonnen Kokain
Auslöser der jüngsten Aufmerksamkeit ist eine spektakuläre Beschlagnahmung: Spanische Behörden stellten 9.994 Kilogramm Kokain sicher – die grösste jemals in Europa auf hoher See beschlagnahmte Menge. Die Drogen waren in 294 Ballen verpackt und sorgfältig unter mehreren Schichten Salz im Laderaum des Frachtschiffs United S versteckt.
Das unter kamerunischer Flagge fahrende, stark korrodierte Schiff wurde in internationalen Gewässern abgefangen und anschliessend zum Ostdock des Hafens von Santa Cruz de Tenerife eskortiert. Das Entern und die Sicherung des Schiffes erfolgten durch die Spezialeinheit GEO der National Police nach einer äusserst komplexen und risikoreichen Seeoperation.
Historische Dimension der Operation
Vor Ort bestätigte der stellvertretende Regierungsbeauftragte in Santa Cruz de Tenerife, Jesús Javier Plata, dass es sich um die grösste Kokainbeschlagnahmung in der europäischen Geschichte handelt. Damit korrigierte er frühere Angaben, die zunächst von rund 7.000 Kilogramm ausgegangen waren. Anwesend waren zudem der Provinzpolizeichef Jesús María García sowie Alberto Morales, Leiter der Zentralen Drogenbekämpfungsbrigade.
Die Behörden hoben den aussergewöhnlichen Umfang und die internationale Dimension der Operation hervor. Bewaffnete Besatzungsmitglieder, ausgeklügelte Tarnmethoden und eine präzise maritime Logistik liessen den Einsatz in seiner Dramaturgie an einen Hollywood-Thriller erinnern.
Operation „Marea Blanca“

Die unter dem Codenamen „Marea Blanca“ (Weisse Flut) geführte Aktion war das Ergebnis monatelanger Ermittlungen und fand rund 290 Seemeilen (535 Kilometer) südwestlich von El Hierro statt. Laut Polizei musste der Zugriff früher als geplant erfolgen, nachdem bekannt wurde, dass sich mehrere Schnellboote bereits auf dem Weg zum Frachter befanden.
Ermittlungen ergaben, dass ein Besatzungsmitglied bewaffnet war und als Garant für die Ladung fungierte. Zudem waren 37 Kokainballen bereits für eine Übergabe auf offener See vorbereitet, was auf eine unmittelbar bevorstehende Verteilung hindeutete. Der ursprüngliche Plan sah vor, einen Teil der Ladung noch vor der Durchfahrt durch die Strasse von Gibraltar zu übergeben.
Bemerkenswert ist auch die Route des Schiffes: Es war in der Türkei ausgelaufen und hatte bewusst keine Häfen in Lateinamerika angelaufen – eine Strategie, um Verdachtsmomente beim Transport südamerikanischen Kokains über den Atlantik zu minimieren.
Internationale Zusammenarbeit auf höchstem Niveau
Der Erfolg von „Marea Blanca“ basierte auf enger multinationaler Kooperation. Beteiligt waren unter anderem die DEA, die britische National Crime Agency, die Brazilian Federal Police, das spanische CITCO sowie das MAOC.
Nach der Enterung ging dem Frachter der Treibstoff aus, sodass er mit Unterstützung von Salvamento Marítimo nach Teneriffa geschleppt werden musste.
Deutliche Verschiebung der Schmuggelrouten
Sicherheitskräfte betonen, dass es sich bei dieser Beschlagnahmung nicht um einen Einzelfall handelt. In den vergangenen Jahren haben Anti-Drogen-Operationen rund um die Kanarischen Inseln deutlich zugenommen. Verantwortlich dafür ist eine strategische Anpassung krimineller Organisationen, die angesichts verschärfter Kontrollen in traditionellen Einfallstoren wie Galicien oder der Strasse von Gibraltar neue Routen nutzen.
Die Kanarischen Inseln haben sich dadurch zu einem wichtigen Umschlagplatz im Atlantik entwickelt. Der Umfang von „Marea Blanca“ übertrifft frühere Grossfälle deutlich – darunter die Sicherstellung des Schiffs Tammsaare im Jahr 1999 mit 7.500 Kilogramm Kokain sowie die Operation „Traba“ im Oktober 2025, bei der 4.000 Kilogramm Drogen rund 600 Seemeilen vor dem Archipel abgefangen wurden.
Strategisch wichtig – und besonders verwundbar
Die Behörden unterstreichen, dass die geografische Lage der Kanarischen Inseln zwischen Südamerika und dem europäischen Festland den Archipel zugleich strategisch wertvoll und besonders anfällig macht. Entsprechend haben sich die Inseln zu einem Knotenpunkt für Überwachung, Informationsaustausch und multinationale Zusammenarbeit im Kampf gegen das organisierte Verbrechen entwickelt.
Die Rekordbeschlagnahmung belegt zwar die Wirksamkeit koordinierter internationaler Polizeiarbeit, macht jedoch auch eine wachsende Realität deutlich: Die Kanarischen Inseln sind inzwischen fest in die sich wandelnden Logistikstrukturen des globalen Drogenhandels eingebunden.






